Junge Menschen wollen sich ausprobieren, um Berufe kennenzulernen

Projekt „Meine Zukunft! Jugend + Beruf im Landkreis Stendal“ zieht Zwischenbilanz

Wer bin ich? Was will ich? Was kann ich? Zehn hauptamtliche Berufslotsinnen und Berufslotsen im Landkreis Stendal helfen 9- bis 14-Jährigen dabei, diese Fragen zu beantworten. Sie sind das Herz des Projektes „Meine Zukunft! Jugend + Beruf im Landkreis Stendal“, das der Landkreis gemeinsam mit sieben Trägern der Jugendarbeit 2019 ins Leben gerufen hat. Am vergangenen Mittwoch, den 06.10.2021, wurde Zwischenbilanz gezogen. Der Verein KinderStärken e.V. als Fach- und Koordinierungsstelle organisierte eine Tagung in der Hochschule Magdeburg-Stendal, bei dem Kinder und Jugendliche eine tragende Rolle spielten.

Emma ist 11 Jahre alt und möchte Ärztin werden. Als Co-Moderatorin an der Seite von Projektkoordinatorin Jennifer Beder fühlte sich die Schülerin aus Stendal hinter dem Rednerpult sichtlich wohl. Die vielen Erwachsenen, darunter Stendals Landrat Patrick Puhlmann, machten sie keineswegs nervös. Emma redet gern vor Menschen und sie weiß, dass das eine ihrer größten Stärken ist. Damit hat sie vielen anderen Kindern und Jugendlichen etwas voraus: eine Vorstellung davon, was sie später einmal machen möchte und ein Bewusstsein für Dinge, die sie gut kann. Jungen Menschen ab dem 9. Lebensjahr, die da noch nicht so sicher sind, bietet das Projekt „Meine Zukunft!“ Unterstützung an.

„Berufswahl und -einstieg sind keine einfachen Fragen. Mancher schreckt davor zurück, deshalb ist ein Hilfsnetzwerk wichtig“, stimmte Patrick Puhlmann in seiner Begrüßung auf das Thema ein. Neben geballter Kompetenz von Fachleuten aus der Jugendarbeit, der Berufsberatung der Agentur für Arbeit Stendal und aus der Verwaltung setzte der Verein KinderStärken e.V. beim Fachtag auch auf die Expertise jener, um deren Zukunft es geht. 11- bis 16-Jährige wurden in Diskussionsrunden und Zukunftsforen eingebunden. Fünf Sekundarschüler*innen aus Bismark gestalteten mit ihrer Berufslotsin einen Workshop dazu, was ihnen bei der Berufsorientierung wichtig ist. Sechs andere Mädchen und Jungen unterhielten sich mit Unternehmer*innen darüber, wie sie potenzielle Azubis besser erreichen können. Das seriöse Firmenvideo funktioniere beispielsweise nicht in „Spaßkanälen“ wie TikTok oder Instagram. Da sollten lieber Jugendliche kleine Filme erstellen, die das auch draufhaben, meinten die Kinder.

Zuhören, fragen, offensichtliches Interesse aneinander: der Austausch zwischen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen verlief auf Augenhöhe. Ob Schnuppertage in Betrieben, Erlebnisbörsen mit Möglichkeiten zum Experimentieren, Computerspiel mit Kranfahrer oder mehr Gelegenheiten zum persönlichen Austausch – u. a. solche Wünsche und Ideen wurden in den Gesprächen geäußert. „Es war eine prägnante Erkenntnis aus allen Diskussionen, dass junge Menschen sich ausprobieren wollen und müssen, um Berufe kennenzulernen“, bilanzierte Jennifer Beder von der Fach- und Koordinierungsstelle bei KinderStärken e.V. „Berufswahlkompetenz sollte man spielerisch aufbauen, nicht mit Arbeitsblättern und Frontalunterricht“.

An diesem Punkt setzt „Meine Zukunft!“ an: frühzeitige, langfristige und individuelle Begleitung nah an der Lebenswelt der Kinder. Hauptamtliche Berufslotsinnen und -lotsen arbeiten in den Städten Stendal, Tangermünde, Bismark, Osterburg und Havelberg, in den Verbandsgemeinden Arneburg-Goldbeck, Seehausen und Elbe-Havel-Land und in der Einheitsgemeinde Stadt Tangerhütte. Ehrenamtliche Berufspat*innen unterstützen sie dabei. Mehr als 500 Schüler*innen konnten sie bislang mit Einzel- und Gruppenaktivitäten erreichen. Bei kreativen Aktionen, in Gesprächen, Workshops und gemeinsamen Unternehmungen motivieren sie die Kinder, ihre Stärken zu entdecken, Fähigkeiten und Fertigkeiten zu erkunden, Berufsbilder kennenzulernen und im sozialen Miteinander zu wachsen.

„,Wie bitte? Schon ab 9 Jahren?‘ werden wir oft gefragt“, berichtete Gino Krebs, der das Projekt gemeinsam mit Jennifer Beder koordiniert. „Aber wir denken, dass es nicht früh genug beginnen kann, diese Kompetenzen, die einen ein Leben lang begleiten, zu fördern“. Dass eine Berufsbiografie kein geradliniger Weg ist, sondern immer wieder Entscheidungskompetenz erfordert, verdeutlichte Prof. Hans-Jürgen Kaschade am eigenen Beispiel: „Ich habe als Sozialpädagoge angefangen und als Unternehmer aufgehört. Wusste ich das mit 11? Nein“. Und wer weiß, ob die erfrischende junge Moderatorin Emma nicht irgendwann ihre eigene Show hat? Ärztin kann sie ja trotzdem werden.

 

Dipl.-Journalistin Edda Gehrmann

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