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Familienintegrationscoach im Landkreis Stendal: Projekt mit Trumpf, der sticht!

Carsten Wulfänger [(c): brain SCC]

Ein Interview mit dem Landrat des Landkreises Stendal, Carsten Wulfänger, geführt am 02.12.2014

Herr Wulfänger, vor zwei Jahren startete im Landkreis Stendal das Projekt „Familienintegrationscoach“. Was war Ihre Zielstellung?

Allerorten, auch bei uns im Landkreis Stendal, gibt es große Probleme bei der Integration von jungen Familien bzw. allein erziehenden Eltern mit kleinen Kindern in den Arbeitsmarkt. Hier muss allzu oft, dies aufgrund meist sehr komplexer Ursachen, mit Maßnahmen der Jugend- und Erziehungshilfe wie auch seitens der Agentur für Arbeit und des Jobcenters Hilfe geleistet werden. Sobald junge Eltern arbeitslos werden oder diese noch nie in den Arbeitsmarkt integriert waren, und dabei nicht selten keinen Schulabschluss oder Berufsausbildung vorweisen können, droht schnell eine sich selbst verstärkende und nur schwer zu durchbrechende Abwärtsspirale. Dann ist die Gefahr einer Destabilisierung der Familie und auch materielle Armut bedrohlich nah. Das Gefühl von Perspektivlosigkeit macht sich breit. Hier galt es, anzusetzen, den betroffenen jungen Familien zu helfen.

Hier knüpft das im Frühjahr 2012 vom Land Sachsen-Anhalt ausgelobte ESF-Modellprogramm „Familien stärken – Perspektiven eröffnen“ an, aus dem das Projekt „Familienintegrationscoach“ im Landkreis Stendal gefördert wird. Was ist das besondere an diesem Projekt? Es bestanden ja auch schon zuvor Möglichkeiten, dem von Ihnen benannten Personenkreis zu helfen.

Es sind mehrere Aspekte, die den besonderen, zusätzlichen Nutzen dieses Programms ausmachen: Maßnahmen der Familien- und Erziehungshilfe werden mit Maßnahmen der Arbeitsmarktintegration verknüpft, wenn Sie so wollen, kann man hier von einem ganzheitlichen Ansatz aktivierender Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik sprechen. Dieses passiert rechtskreisübergreifend und sehr unbürokratisch. Wir würden im Projekt nicht so gut dastehen, wenn die Kooperation der zuständigen Fachämter untereinander und mit der Agentur für Arbeit sowie gerade auch dem hier so wichtigen Jobcenter nicht so reibungslos funktionieren würde, wie es der Fall ist. Es ist schon beeindruckend, mit welchem Engagement alle Beteiligen dabei sind. Hinzu kommt, dass wir im Projekt zwei Mitarbeiterinnen einstellen konnten, die sich intensiv um jeden Einzelfall kümmern und auf alle im Landkreis Stendal zur Verfügung stehen Hilfsstrukturen kundig zurückgreifen. Neben den bereits benannten Partnern in den Ämtern und bei den Institutionen der Arbeitsmarktintegration kann dies auch Hilfestellung zum Beispiel seitens weiterer Einrichtungen wie der Schuldner- oder Mieterberatung sein. Oft sind die Hemmschuhe eben so groß und die Hindernisse auf dem Weg in Arbeit so vielfältig, dass ein intensives und umfassendes Familienintegrationscoaching, bildlich: ein an-die-Hand-nehmen, gefragt ist. Angebunden haben wir das Projekt nicht nur räumlich an unsere Wirtschaftsförderung, also auch für die Zielgruppe raus aus den ihnen bekannten Strukturen. Hinzu kommt, das ist dann wohl unsere „Trumpfkarte“ im Projekt, die dem Vorhaben innewohnende Schaffung von sogenannten Erprobungsarbeitsplätzen in der Wirtschaft.

... Stichwort Erprobungsarbeitsplätze: „Familien stärken – Perspektiven eröffnen“ ist ja Name und eben Programm der Förderung, aus dem das Projekt gespeist wird. Wohl nicht von ungefähr findet sich in der Unterzeile dazu: „Schaffung zusätzlicher Arbeitsplätze – berufliche Erprobung in Unternehmen“?

Als ich die Richtlinie zum Programm erstmals las, war das, was da stand, vom Ansatz her genau das, wofür ich stehe: Integration durch Arbeit. Mir war gleich klar, dass das ein idealer Ansatz ist, Menschen mit Problemen beim Zugang und Verbleib in Erwerbstätigkeit genau dabei zu helfen = ihnen eine berufliche Perspektive zu eröffnen. So lässt sich die oben benannte Abwärtsspirale oftmals gut und nachhaltig durchbrechen.

Ich komme nochmals auf Ihre „Trumpfkarte“ zurück, wie „sticht“ diese?

Auf der einen Seite haben wir Menschen mit Schwierigkeiten, Zugang zum Arbeitsmarkt zu finden. Auf der anderen Seite gibt es auch in unserem Landkreis sagen wir „amtsferne“ Betriebe, Unternehmer, die schon allein von ihrer Mentalität her dem Arbeitsgeberservice der Agentur für Arbeit oder auch unserer Wirtschaftsförderung eher distanziert gegenüber stehen. Jedoch verbindet nicht wenige von ihnen das Problem, dass sie gerade auch für einfache bzw. Anlerntätigkeiten auf sich allein gestellt keine Arbeitskräfte finden.

...Also ist das Projekt „Familienintegrationscoach“ sogar auch ein unmittelbar wirtschaftsförderliches Projekt?

Ja! Es ist unseren Familienintegrationscoaches in den vergangenen zwei Jahren gelungen, dutzende von Betrieben im ganzen Landkreis für eine Teilnahme am Projekt zu gewinnen – mit dem Ergebnis, dass wir bereits in und mit diesen Betrieben über 90 Erprobungsarbeitsplätze schaffen und besetzen konnten. Alle Arbeitsplätze sind übrigens neue Arbeitsplätze, was durch ein komplexes Kontrollinstrumentarium seitens des Landes sichergestellt wird. Der Trumpf sticht dann auch dank eines Lohnkostenzuschusses, der für einen Zeitraum von bis zu 11 Monaten gezahlt werden kann. Nicht zu vergessen ist hier aber das ganz wesentliche, unermüdliche Engagement der im Projekt unmittelbar mitwirkenden Mitarbeiter sowie einer fach- und sachkundigen externen Vorhabensbegleitung.

Soviel Lob – wo ist der Haken?

Kein Haken, was auch eine jüngst durchgeführte Evaluation bei den beteiligten Unternehmen eindeutig bestätigte. Ganz im Gegenteil, da mit Auslaufen der bezuschussten Erprobungsarbeitsplätze deutlich mehr als die Hälfte der Teilnehmer durch die Betriebe übernommen werden, sparen alle für die Grundsicherung usw. zuständigen Institutionen – nicht zuletzt auch der Landkreis – Haushaltsmittel ein, die dann an anderer Stelle in die Zukunftsfestigkeit des Landkreises investiert werden können. 

Zukunftsfestigkeit, das heißt ja wohl auch Angehen der Herausforderungen, die sich aus der absehbaren demographischen Entwicklung ergeben werden?

Aus dem heute im Projekt erschlossenen Arbeitskräftepotential rekrutieren sich potentielle Fachkräfte von morgen. Und die Kinder aus diesen Familien sind unsere Fachkräfte von übermorgen.

Wagen Sie einen Ausblick – wie geht es weiter?

Hoffentlich geht es mit dem Programm auch Mitte 2015 weiter, dann endet die derzeitige Laufzeit der Förderung aus dem ESF. Wir machen uns diesbezüglich beim Land Sachsen-Anhalt stark – und sind da zuversichtlich.

Vielen Dank für das Gespräch!

02.12.2014

© brain SCC

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